hier finden sie, was sie noch nie vorher gesucht haben!

JENNY UND BILLY, SILAS UND ICH
Wenn ihnen jemand weiszumachen versucht, dass „Traktor“ ein grüner Hocker ist, dann erklären Sie ihn nicht gleich für geisteskrank. Der Mensch hat Ahnung, denn er ist IKEA-Kunde!

Wir lernen heute:
  • Gunghult: Schaukelstuhl aus Rattan,
  • Klyftig: Mehrzweckwagen mit Rädern,
  • Vindum Tvär: handgewebtes Zierkissen und
  • Kryp Nyckelpiga: Nylonmatte mit Latexbeschichtung.

Was sich für den Leihen anhört wie die ersten Worte eines Kindes mit schwedisch-türkischen Eltern oder Pech beim Scrabblespielen, sind für den Abonnent von Schöner Wohnen liebliche Klänge, für die er ohne Weiteres einen angesparten Bausparvertrag auf den Kopf hauen würde. Wer braucht für romantische Augenblicke schon eine Frühlingswiese oder rote Rosen, wenn er sich stattdessen dem betörenden Duft unbehandelten Sperrholzes und weichmacherträchtigen Kunststoffs hingeben kann? Die Farben der Ekstase sind weder rot wie die Liebe noch rosa wie die Brille, die Farben der Verzückung sind blau und gelb! Ein Hoch auf das Einrichtungshaus unserer Träume, ein Hoch auf IKEA!


IKEA – vier Lettern, die ein Lebensgefühl ausdrücken: Innovation, Köttbular, Einkaufsfreude und allerlei Krempel, den man nie im Leben braucht, aber doch so gerne kauft. Vom Elchfell aus Polyester als Teppichersatz bis hin zum Regal mit Klapptüren als Alternative für Opis Sarg, das skandinavische Freudenhaus hat für jeden etwas, der mit einem Sechskantschlüssel umgehen kann. Lange Zeit als Einrichtungshaus für birkenstocktragende Bastelfetischisten abgestempelt, sind die Zeiten der zu kurzen Bretter und schlecht abgezählten Schrauben vorbei. Längst hat sich der schwedische Möbelgigant zum Legoland für Erwachsene gemausert. Wo sonst findet man so viele mit Liebe gestaltete Musterzimmer, die einem zeigen, wie man sich sein Wohnzimmer wohl einrichten würde, wenn man sein Augenlicht verloren hätte.


Was den Charme der gelb-blauen Vielfalt ausmacht sind nicht etwa Qualität, günstige Preise oder eine bevorzugte Kundenbehandlung, was IKEA wirklich auszeichnet, das sind vor allem die Namen der angebotenen Möbelstücke. Da legt man gerne ein paar Scheine oben drauf und erhält nicht nur Möbel mit lustig bebilderten Bauanleitungen wie man sie aus der Bauecke im Kindergarten kennt, sondern auch noch solche, die Namen haben wie man sie sich für einen Leimfurniertisch oder eine Spülbürste wünscht. Wer lehnt sich nicht gerne einmal im Drehsessel „Lömsk“ zurück und trinkt einen beherztem Schluck aus seinem Becher „Saftig“. Genau das ist es, was man in deutschen Möbelhäusern vermisst. Wer will schon eine Couchgarnitur „Siggi“ oder einen Esstisch „Fichtelgebirge“. Auch wenn sie noch so schön und günstig sind, an einem „Fichtelgebirge“ schmeckt doch kein Essen! Und wer kann sich vorstellen, auf einem „Siggi“ so richtig zu entspannen? Stellen Sie sich die Schmach vor, wenn die Braut, die Sie beim letzten Blutspenden aufgerissen haben plötzlich erkennt, dass das Bett in Ihrem Schlafzimmer auf den Namen „Odenwald“ hört. Da ist die Nacht schon vorbei bevor sie angefangen hat! Der stolze IKEA-Kunde brüstet sich derweil, in einem „Mörkedal“ oder „Bangsund“ zu schlafen.

Die besten Namen für IKEA-Möbel entstehen, wenn Designer vor ihrem Rechner einschlafen und mit dem Kopf auf die Tatstatur knallen. Am nächsten Morgen gibt es dann nicht nur ein Erwachen mit spielverkehrtem Alphabet auf der Stirn, sondern – wer hätte das gedacht – aus dem Buchstabengewirr auf dem Bildschirm lassen sich mindestens zehn kreative Namen für neue Badematten oder Regalkombination finden. Manchmal sollte man sich aber nicht einmal in Gedanken vorstellen, wie das ein oder andere Möbel zu seinem Namen gekommen ist. Eine Tasse mit Namen „Bang“ erscheint noch einleuchtend, aber bei welcher Gelegenheit bekommt ein Sessel dem Namen „Kimme“?

Man findet im schwedischen Paradies nicht nur sein neues Bett, sondern gleichzeitig auch noch den passenden Namen für den Nachwuchs, den man darin zeugt. Jeder sollte ein Recht darauf haben zu wissen, wo Mami und Papi sich einst so doll lieb gehabt haben. Bei Ole wird’s das gleichnamige Ecksofa gewesen sein, bei Anton der Aktenschrank. Ingo kann kaum glauben, dass Muttis Hintern einmal auf den Beistelltisch gepasst haben soll, der dem Sohnemann den Namen verliehen hat. Patriks Eltern müssten es demnach auf einem eher unbequemen Stuhl getrieben haben, genauso wie diejenigen von Benjamin, Sandi, Ingolf, Herman, Roger, Ernst und Stefan. Lukas und Mikaels Eltern schafften es seiner Zeit nur bis zum Schreibtisch.
Eine schockierende Erfahrung für diejenigen, die feststellen, dass „Frongy“ ein Abfalleimer und „Ramona“ eine Naturholztoilettenbrille ist.

Die Namensgebung ist für einsame Menschen vor Vorteil, die im Büro nicht zugeben wollen, dass am Wochenende wieder nichts lief. Sie können ruhigen Gewissens behaupten Benjamin, Sandi und Stefan wären die ganze Nacht da gewesen. Und als Letztes hätte man Sandi unter Mikael gesehen. Es hört sich vor den Kollegen doch viel cooler an, wenn Frau berichtet, sie sei irgendwann zwischen Patrik und Lukas eingeschlafen als zuzugeben, am Schreibtisch eingepennt zu sein?

Manche Namen verleiten den unerfahrenen Kunden jedoch auch zu Fehlinterpretationen. So ist „Jennylund“ keineswegs die aufblasbare Gummiausgabe einer drallen Schwedin, sondern nur ein Sessel mit abnehmbarem Bezug. Zumindest sind beide abwaschbar. Auch ist „Strib“ keine durchsichtige Jalousie, wie sie die Nachbarin am Schlafzimmerfenster hat, sondern lediglich ein Teppich. Ein „Bumerang“ ist zwar aus Holz, jedoch bei IKEA ein Kleiderbügel, der nur dann zurückkommt, wenn man ihn seinem Gegenüber an den Kopf wirft. Und auch wenn sich „Pax Grinder“ stark nach der Neuauflage von Akte X anhört, bleibt es eine schlichte Schranktür.

Ein IKEA-Besuch bildet und verbindet. Als eingefleischter Kunde weiß man, dass „Poäng“ nicht der Name einer chinesischen Stadt, sondern der eines Sessels ist, und dass sich hinter „Lillehammer“ ein Bettgestell aus Birkenfurnier und keine Stadt in Norwegen verbirgt. Wer in der Welt unterwegs ist, der braucht keine Kreditkarte, die einen mit fremden Kulturen verbindet, sondern nur ein Foto seines heimischen „Billy“-Regals. Schon weiß jeder zwischen Gengenbach und Papua-Neuguinea: ein Freund steht vor der Tür! – Warten wir also schon heute gespannt auf den Katalog 2005 und darauf, dass es endlich eine Pfanne „Brutzlig“, ein Sofa „Reenpupen“ und eine Handtuchkollektion „Rubbelig“ geben wird. Nicht zu vergessen den Schrank „Drinverstekke“ und vielleicht sogar ein Waschbecken „Raynkozze“. Bis dahin nennen wir uns doch alle wie skandinavische Möbel...

Silas Wolf

P.S. Das Bettsofa „Lessebo“ darf übrigens auch von männlichen Kunden gekauft werden.

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